Weiße
Muscheln am Meeresgrund
Petra
Soltanpoor wollte am Wasser LEBEN. Deswegen ist sie zum Studium nach Kiel
gezogen. Lehrerin ist sie geworden. Mit 29 hat sie ihren Mann Emad, einen
Kieler
iranischer Abstammung, geheiratet und zuerst ihre Tochter Ayla, später
ihren Sohn Kyan und im Oktober 1999 noch eine Tochter, Ciella, bekommen.
In
dem alten Haus, in das die Familie nach der überstürzten Rückkehr
aus Australien eingezogen ist, gibt es im Flur eine Fotowand. Unzählige
Fotos hängen an den Wänden. In kleinen Rahmen - ältere und
neuere - auch viele aus den letzten Jahren. Petra mit ihrem Mann Emad,
strahlend vor Glück. Am Strand, in inniger Umarmung, mit ihren drei
Kindern, die sie über alles liebte. Ein Bild auf der Fotowand zeigt
ihre Großmutter, ihre Ma, Petra und Ayla, vier Generationen. Petras
Mutter stirbt 1998 – an Brustkrebs.
Ungefähr
50.000 Frauen erkranken jedes Jahr in Deutschland, viele von ihnen, rund
19.000, können immer noch nicht geheilt werden. Ursachen? Entgegen
aller Behauptungen sind bis auf einen Gendefekt bei erblichem Brustkrebs
bisher keine wirklich bewiesen. Verschiedene Theorien sind im Gespräch.
Petra hat einen Gentest machen lassen, weil ihre Ma auch Brustkrebs hatte:
negativ. Sie haben noch nicht alle Gene entdeckt. Die realistischen Chancen
und Möglichkeiten der Früherkennung oder Prävention von
Brustkrebs sind immer noch unzureichend erforscht. Für junge Frauen
ist nichts im Angebot, wenn man von der Illusion der Selbstuntersuchung
einmal absieht.
Die
Forschung in Deutschland ist sowohl hinsichtlich der Ursachen wie auch
der Therapie weit abgeschlagen. Hoffnung kommt aus Amerika, wo wesentlich
mehr geforscht wird und Forschung wie auch Medizin besser organisiert sind,
als bei uns.
Der
Tod ihrer Ma - vielleicht war das ein Grund mehr, die Lebensperspektiven
noch mal ganz zu verändern, noch ein Kind zu bekommen, allem zum Trotz
und auszuwandern. Noch einen Schritt weiter weg und natürlich wieder
ans Wasser, diesmal an den Pazifischen Ozean, nach Townsville. Emad und
Petra wandern Anfang 2000 mit den drei Kindern, Ciella, die jüngste
Tochter ist ein Baby, nach Australien aus. Moskitoschutz und Sonnencreme,
Sommer im Winter und umgekehrt, mindestens acht Stunden Sonne jeden Tag,
Down under. Outbacks, Aborigines und nicht zu vergessen, Kängurus.
Im tropischen Norden von Australien liegt Townsville. Das ist in Queensland
die größte Stadt, wegen der vielen Gärten auch Garden City
genannt. Magnetic Island, ein kleines Paradies vor der Haustür von
Townsville ist eine Insel mit um die 20 zum Teil auch sehr einsamen Buchten
und Stränden.
Der
Traum von einem neuen Leben, alles scheint vor ihnen zu liegen. Aber Leben
ist oft voller verborgener Schatten. Sie finden ein Haus mit Garten, neue
Freunde und - den Knoten in Petras Brust. Leider ist es kein Milchstau.
Schnell diagnostizieren die Ärzte: Brustkrebs. Wie ein Film läuft
vor Petra das Schicksal ihrer Mutter ab. Sie fliegt nach Deutschland zurück.
Am Flughafen klammern sich die beiden größeren Kinder an ihre
Beine und wollen sie festhalten. Alle weinen verzweifelt.
In
Deutschland gibt es zuerst keine Termine. In Kiel soll sie drei Wochen
warten. Die Reise geht weiter. Stunden später sitzt sie mit ihrer
Schwester, die wie ein hilfreicher Engel fortan für ihre Schwester
da ist, in der Berliner Charité. Der Marathon durch die Untersuchungen
beginnt. Mammographie, Biopsie, Computertomographie. Zur Therapie geht
Petra nach Kiel zurück. Endlich gibt es auch dort einen Termin, es
sind bereits wieder drei Wochen vergangen. September bis November Chemotherapie,
Mitte November Operation, dann Rekonstruktion der Brust. Ab Januar 2001
Strahlentherapie, Anschlussheilbehandlung, die „Kur“. Auf ergänzende
alternative Therapien legt Petra sehr viel Wert. Mistel verträgt sie
nicht. Simonton soll helfen, die Seele wieder in Einklang zu bringen. „Wieder
gesund werden“ - Thymus, Vitamine, Selen, Enzyme, Akupunktur. Ein paar
Wochen Atempause, aber nach der Strahlentherapie hat sie das Gefühl,
in ein tiefes Loch zu fallen. Eigentlich sollte Hoffnung und Erleichterung
aufkeimen, aber starke Knochenschmerzen beschweren die Hoffnung. Im August
2001 werden Lebermetastasen gefunden und in den Knochen ist der Krebs auch.
Im Gegensatz zu anderen Krebserkrankungen kann man das bei Brustkrebs bis
heute nicht heilen, nur abschwächen. Im November 2001 stellen die
Ärzte zusätzlich Hirnmetastasen fest.
Anfang
Januar 2002 fällt es Petra schwer, weiter an ihre inneren Selbstheilungskräfte
zu glauben. Die Medizin hat inzwischen eine Menge Medikamente zur Verfügung,
die wenigstens einigen Frauen etwas Aufschub versprechen und Petra will
leben. Nicht nur die Schulmedizin, auch alternative Wege beschreitet sie,
z.B. Hyperthermie und Eurythmie. Am 13. Januar 2002 schreibt sie: „Ich
schaue mir eine alternative Klinik an und gehe zu einem Heiler“.
Die
lokalen Hyperthermien und die Ganzkörper-Hyperthermie haben die Knochenmetastasen
jedoch gebessert, die Schmerzen sind weg. Auch die Lebermetastasen sind
kaum noch zu sehen, wieder Hoffnung. Mitte Januar 2002 wartet Petra auf
die nächsten CT’s. „Irgendwie ist der Krebs bei mir immer allgegenwärtig“,
meint sie. Aber die Ergebnisse sind gut und sie beginnt, einen Beitrag
für
zu
schreiben, auch für die Kinder, damit sie einmal nachlesen können,
wie
alles
passiert ist.
Schon
im Mai erhält ihre Hoffnung wieder einen harten Dämpfer. „Ergebnisse
negativ … Leider haben sich die Tumoren vermehrt und sind gewachsen. Ich
bin sehr geschockt. Ab Montag werde ich neue Schritte unternehmen.“ Sie
fährt ins Krebsforschungszentrum nach Heidelberg in die Kopfklinik
– wegen der Hirnmetastasen. Eine neue Chemo ist im Gespräch. Die Therapie
mit dem Gamma-Knife ist Mittel der ersten Wahl, sagt ihr der Arzt in Heidelberg.
Das Gamma-Knife ermöglicht eine stereotaktische, zielgenaue und hochdosierte
Form der Strahlentherapie. Die Krankenkasse will nicht zahlen, aber ihre
Schwester springt, wie so oft, ein. Ein Gamma-Knife gibt es in Frankfurt.
Dort schrauben sie ihr einen stereotaktischen Rahmen an den Kopf. Er darf
nicht auch nur einen Millimeter verrutschen. Doch auch dieser Weg ist für
Petra umsonst. Es ist bereits zu spät. Am 19. Juni berichtet sie:
Schlechte Nachrichten, alles noch viel schlimmer geworden, über 30!!
Metastasen in Hirn und Umgebung, eine Gamma-Knife-Behandlung ist nicht
mehr möglich, stehe ich jetzt am Ende?“
Sie
beginnt wieder, auf eine neue Chemo zu hoffen. „Ich denke darüber
nach, wie es den Kindern ergehen wird ohne mich, … was möchte ich
noch für meine Kinder, meinen Mann.“ Sie plant die eigene Beerdigung.
Nach Kiel ist sie gezogen, weil sie das Wasser so liebt, also Seebestattung.
Raus mit dem Schiff auf das Meer bis zum Leuchtturm.
Aber
dann wieder leben. Hormontherapie, wieder Chemotherapie, noch mehr Antikörper.
„Was wird aus den Kindern? Innerlich habe ich ständig das Gefühl,
dass alles was ich jetzt erlebe das letzte Mal ist“, sagt sie. Ich höre
ihre Stimme, sie ist unendlich jung. „Ich laufe durch die Straßen
und kann nicht glauben, dass ich bald nicht mehr da bin.“ Anfang Juli verschickt
sie die Einladungen zur schönsten Party der Welt. Im Oktober ist sie
10 Jahre verheiratet und sie weiß nicht, ob sie noch leben wird.
Schnell fährt sie zuvor mit Emad und den Kindern eine Woche nach Weißenburger
Strand an die Ostsee: eine Woche Urlaub im Wohnwagen.
Am
10. August ist ihr Fest. Petra hat alle Freunde, auch aus alten Zeiten,
eingeladen. Die Verwandten kommen, viele Kinder sind da, wunderbares Essen,
Musik, Gespräche. Petra hält eine Rede in der sie allen klar
macht, sich das Leben nicht mit unwesentlichen Kleinigkeiten und Problemen
schwer zu machen, weil es zu kostbar dafür ist.
Zwei
Kleider hat sie sich gekauft für diesen Tag. Wenn er doch nie enden
würde. Einen hübschen Schlapphut trägt sie, wegen der durch
Strahlen und Chemo verlorenen Haare, die gerade beginnen, sich wieder zu
einer Kurzhaarfrisur zu erholen. Sie tanzt bis in die Nacht, barfuss -
woher sie die Kraft nimmt? Sonst geht sie abends schwimmen, allein, im
See. Und sie plant, nach Berlin zu kommen. Mit der Familie zusammen fährt
sie im Oktober noch zur Kur, aber sie kehren vorzeitig heim. Petra geht
es nicht gut.
Am
7. Dezember schickt sie einen Nachtrag für das Buch - Geht es nun
zu Ende? fragt sie. Sie bekommt Chemo-Tabletten zum Schlucken. Sie helfen
ein wenig gegen die Metastasen in den Lymphen um die Lunge. Petra hat auch
ein Sauerstoffgerät jetzt. Sie kann schlecht atmen. Das Antikörpermedikament
zur Immuntherapie haben die Ärzte abgesetzt, obwohl sie es gut vertragen
hat - gegen ihren Willen. Es würde sowieso nicht helfen, haben die
Ärzte gesagt.
Mit
ihren Kindern redet sie darüber, was passiert, wenn ein Mensch stirbt.
Ihr Sohn Kyan ist jetzt fünf. Er sagt ihr, dass sie stirbt, wenn sie
noch kränker wird. In ihren Gesprächen gelangen sie bis ins Weltall.
Weihnachten telefonieren wir. Sie hat einen Hausanzug geschenkt bekommen
und die Geschenke sind durch den Kamin ins Wohnzimmer gefallen, unendlich
viele Geschenke. Sie hängt weiterhin am Sauerstoff und liegt viel.
Die Einzige, die ihr Hilfe geben kann in dieser Zeit, ist ihre Heilpraktikerin.
Mit Akupunktur und Massage behandelt sie Petra mit sehr viel meditativer
Ruhe und Zeit eine Stunde täglich. Daraus schöpft sie die Kraft,
den Tag durchzustehen. Die Heilpraktikerin kommt in die Wohnung. Petra
kann den Weg in ihre Praxis nicht mehr schaffen.
Um
Sylvester herum telefonieren wir wieder. Ich wünsche ihr alles Gute
für das neue Jahr, viel Kraft und so viel Stärke, wie sie immer
hatte. Mir fehlen die Worte, denn ich bringe es nicht fertig, irgend etwas
auszusprechen, das nicht der Wahrheit entspricht. Es ist so ungewiss, das
vor ihr liegende Jahr. Jeder Tag kann eine dramatische Wende bringen. Petra
geht es schon wieder schlechter. Sie liegt nur noch und berichtet sachlich
darüber, wie es ihr geht. Die Schmerzen in der Region um Lunge und
Lymphe sind nicht extrem, lassen sich irgendwie beherrschen. Sie ist dankbar,
zu leben. Nie kommt eine Klage.
Ein
CT lehnt die Uniklinik seit längerer Zeit ab. Es gäbe keine therapeutischen
Konsequenzen aus einer erneuten Untersuchung. Die Hoffnung liegt auf den
Chemotabletten. Das größte Problem jetzt ist der Schwindel,
so als würde sie dabei in einer überdimensionalen Waschmaschine
durchgeschleudert. Alles dreht sich. Sie liegt mit geschlossenen Augen.
Und sie ist da, die Kinder wissen, dass ihre Mama da ist. Ab und zu wirbeln
sie durch das Zimmer und laden ihre kindlichen Sorgen ab. Petra tröstet,
schlichtet Streit mit geschlossenen Augen, schickt die Kinder wieder aus
dem Zimmer.
In
den kommenden Tagen denke ich viel an sie, schicke ihr einen Brief. Am
Abend des 9. Januar bin ich kaum zu Hause da klingelt das Telefon. Ihr
Mann berichtet: Petra ist im Krankenhaus, ich solle sie doch bitte anrufen.
Die Ärzte wollten ihr keine Therapie mehr geben.
Ihre
Stimme klingt wieder so unendlich jung, ein Sauerstoffgerät gurgelt
leise im Hintergrund. Sie erzählt, dass sie seit zwei Tagen da ist.
Sie hat einen Panikanfall bekommen und ist noch schwächer geworden.
Sie hat den Notarzt gerufen und dann die Feuerwehr. Der Notarzt von der
Feuerwehr hat veranlasst, dass sie eine ganz starke Dosis Morphium bekommt,
die sie für 24 Stunden außer Gefecht gesetzt hat. Sie kann danach
nicht mehr aufstehen. Dann hat sie im Krankenhaus angerufen, ob sie kommen
könne. Jetzt wird doch ein neues CT gemacht. Die Metastasen im Bereich
der Lymphe und Lunge haben sich unter dem Medikament verbessert, aber die
Hirnmetastasen sind schon wieder weiter gewachsen. „Ich kann jetzt nur
noch essen“, sagt sie. Sie bekommt sehr viel Cortison. Die Professoren
haben mit ihr gesprochen. Wir stellen die Therapie jetzt ein, haben sie
ihr gesagt. Es ist ihr unerträglich.
„Mein
Leben hängt jetzt am seidenen Faden“, sagt sie und fragt: „Kannst
du bitte für mich in Frankfurt anrufen, ob sie nicht wenigstens die
größte der Hirnmetastasen mit dem Gamma-Knife bestrahlen können?“
Ich verspreche, am nächsten Tag anzurufen.
Wir
sprechen über die Möglichkeiten mit der Chemo. Ihr Verstand ist
mehr als glasklar. Die Ärzte haben ihr gesagt, sie sei zu schwach
für eine Chemo. Sie erinnert mich an ein anderes Medikament. In der
Uniklinik in Heidelberg hat ein Arzt ihr gesagt, es sei „hirngängig“.
Es ist eines der besser verträglichen Chemomedikamente, dass wie die
Tabletten nur in den Tumorzellen selbst und nicht so sehr im Rest des Körpers
wirken soll. Dann sagt sie: „Cisplatin. Die Ärzte haben von Cisplatin
gesprochen.“ Wir reden darüber, dass es eines der härtesten Chemomedikamente
überhaupt und sie dafür bestimmt zu schwach ist, oft noch schlechter
verträglich als „EC“ und „Taxotere“. Beides hatte sie schon, erfolglos,
mehr oder weniger. Beides sind Hammerchemos mit komplettem Haarausfall
und krassen Nebenwirkungen. Sie winkt auch gleich ab. „Ooh nein, das nicht.“
Wir
reden darüber, dass auch jedes andere Medikament Nebenwirkungen haben
kann, die ihre Lebensqualität noch weiter verschlechtern. Sie sagt:
„Wenn das Medikament besser verträglich ist, WILL ICH ES IN JEDEM
FALL VERSUCHEN.“
Die
Ärzte haben die Therapie eingestellt. Und nicht nur das, sie haben
es ihr auch gesagt. Sie liegt in ihrem Bett und fühlt sich einmal
mehr zum Sterben verurteilt. Soll sie nun in ihrem Bett liegen und denken:
„Jetzt warte ich nur noch auf den Tod“? Das Medikament ist Hoffnung. Unabhängig
davon, wie lange sie so weiterlebt. Es ist ein kurzer, befristeter Zeitraum,
Tage vielleicht nur, um die es geht.
Es
ist erträglicher für sie, diese zu verbringen mit Spuren der
Hoffnung auf etwas Weiterleben. Wie sehr wir doch an jedem Fetzen Leben
kleben. Nicht heute, morgen, übermorgen. Die Todesangst kommt wie
eine kalte Wand und der Aufschrei ist so übermächtig, dass nichts
Versöhnliches in diese Richtung lockt, das extreme Gegenteil irgendwelcher
suizidaler Anwandlungen.
Warum
ist das Leben so?
Mediziner
scheinen manchmal zu denken, oder zumindest sagen sie es, nun „muss sie
sich abfinden“, „sich mit dem Tod auseinandersetzen“. Während ich
dieses Wort schreibe:
a
u s e i
n a n d
e r s e
t z e n
fällt
der Sinn heraus. Er zerfließt in einzelne sinnlose Buchstaben, was
ist das denn? Was soll das denn? Jeder Mensch erlebt seinen Tod anders,
einige können das, andere eben nicht. Und sie lernen es auch nicht.
Und wollen es auch nicht lernen. Andere warten ohne viel Angst. Oder der
Tod ist ganz anders.
Aufnehmen,
was ein individueller Mensch sagt. Warum hören wir es nicht? Ein Mensch
will die Wahrheit, ihr offen ins Gesicht sehen oder auch die Hoffnung.
Petra
sehnte sich nach Hoffnung. Ihre schlimmste Vorstellung war, dass „sie jetzt
nichts mehr haben für mich ...“. Das hat sie sich in ihren schlimmsten
Alpträumen schon lange Zeit als schlimmste aller Möglichkeiten
vorgestellt und so ist es passiert. Früher hat man Menschen oft belogen.
Schon die Diagnose Krebs ist Patienten verheimlicht worden. Auf angstvolle
Fragen wurde geleugnet. Das ist sicherlich falsch. Auch fühlt jeder
schwer kranke Mensch, was passiert, weiß es sogar. Ehrlichkeit ist
wichtig, aber Hoffnung kann genau so wichtig sein. Noch 10 Tage leben:
manchmal lebt es sich besser mit der Hoffnung.
Brustkrebs,
das ist immer noch oft eine langsame Art zu Sterben, manchmal 10 Jahre
lang und länger, in Etappen.
Petra
kämpft weiter um ihr Leben. Am nächsten Tag habe ich im Gamma-Knife-Zentrum
angerufen, die beiden Ärzte sind nicht da. Zwar dachte ich nicht,
dass eine Bestrahlung in Frage kommt. Auch reisen konnte Petra nicht. Aber
ich wollte versuchen, ihr die Antwort zu übermitteln. Vielleicht hätte
jemand auch eine hoffnungsvolle Aussage? Erst am Montag wird zumindest
einer der Ärzte wieder da sein.
Auch
Dr. S. aus dem Tumorzentrum in Berlin habe ich angemailt. Er hat eine sehr
einfühlsame Antwort geschickt und meint: ausschlaggebend ist der Wunsch
der Patientin und man kann das Medikament probieren. Auch habe ich vom
Krebskongress 2000 ein Papier zu Hirnmetastasen gefunden, in dem zu lesen
ist, dass beim Mammakarzinom auf Hirnmetastasen meistens das wirkt, was
auch auf den Primärtumor wirkt, also doch noch Hoffnungen?
Es
sind auch ethische Fragen und für Petra gilt, was für alle anderen
Menschen auch gilt: sie hat ein Recht auf die beste medizinische Versorgung
und den Versuch der Lebensverlängerung, solange sie selbst es will
oder sind solche Vorstellungen jetzt bei uns schon außer Kraft gesetzt?
Petra
hat sich vor einem Jahr ein Hospiz angesehen, aber dahin zieht es sie nicht.
Sie ist in die Uniklinik gegangen. Ihre Chancen auf Remission sind so gering,
im Grunde kaum vorhanden. Und all das weiß sie auch. Die Email von
Dr. S. und die Informationen von Frau Dr. L. sind wichtige Hoffnungsträger
für dieses Wochenende.
Petras
Kraft reichte zuerst bis Kiel und dann nach Australien. Sie hatte den Mut,
drei Kinder zu bekommen und sie hatte den Mut, ihrer Krankheit ins Auge
zu sehen. Mut von einer Therapie zur nächsten zu gehen, ohne zu klagen.
Nur leben, sie wollte weiter leben, auch für ihre Kinder.
Am
Sonntag bekommt Petra starke Schmerzen. Gegen Abend stirbt sie, mit 39
Jahren. Die Gespräche über das Weltall sind plötzlich richtungsweisend.
Drei Kinder haben keine Mutter mehr, sie sind allein mit Papa. Irgendwie
müssen sie lernen, zu begreifen: Mami ist ein Stern geworden.
Ein
Jahr zuvor hat sie ein Gespräch mit ihrer Schwester geführt.
Ihr hat sie gesagt, dass sie weiß, dass sie sterben wird. Sie hat
darauf bestanden, alle Dinge ihres Lebens zu regeln, ihre Beerdigung zu
planen und schriftlich festzuhalten.
Der
25.2.2003 ist ihr Geburtstag. Ein strahlend schöner, aber eisiger
Tag. Alles ist so gestaltet, wie sie es sich wünschte. Ein kleines
Schiff ist auf das Meer gefahren, hinaus zum Leuchtturm bei Kiel. Nur die
Unendlichkeit ist in diesem Moment stärker als das eisige Meer.